1001 Perlengeschichten

Unter diesem Motto werden fiktive Geschichten erzählt, die die Realität verdichten.

Saina Veigel, Autorin und Vorstandsmitglied:

„Das Leben schreibt täglich Geschichten und viele davon sind tragisch. In unserer Gesellschaft werden wir überhäuft mit schlechten Nachrichten. Man möchte mitempfinden und betroffen sein dürfen, aber wenn das Unglück anderer – gerade uns Frauen – emotional zu nahe rückt, dann kann sich eine große Traurigkeit breit machen, die einer Trauer gleicht. Manchmal hilft es, wenn sich der Schrecken in andere Worte kleidet. Wenn er nicht in einem Nachrichtenbericht daher kommt, sondern in einer Geschichte. Geschichten lassen sich emotional anders verarbeiten. Sie sprechen uns anders an. Sie können uns auch tief treffen und umtreiben. Der Vorteil einer erfundenen Geschichte ist, dass wir die echten Personen, die sich teilweise hinter der Fiktion verbergen, die eine ähnliche oder vielleicht genauso eine Situation aushalten mussten wie sie in einer der Geschichten vorkommt, nicht kennen. Sie bleiben Unbekannte und Fremde. Die tatsächliche Not erreicht uns, aber die konkreten Gesichter und Lebenskontexte dazu bleiben uns verborgen. Gott weiß um sie und das genügt. Wer gläubig ist, kann der Not der Frauen entgegenbeten und wir alle können uns informieren und nach unseren Möglichkeiten helfen. Ich helfe mit meinen Geschichten. Sie sollen aufrütteln und bewegen, damit wir miteinander in Bewegung kommen und den Perlen helfen, die Hilfe brauchen.“

Falls Sie die Geschichten von Saina Veigel downloaden und verwenden möchten für öffentliche Veranstaltungen, freuen wir uns über eine kleine Spende.

 

Ein gefährliches Geheimnis (PDF)

Sie waren eine Schwesternschaft. Eine geheime. Keiner wusste davon. Sie trafen
sich heimlich und doch ganz öffentlich. Es sah aus, als seien sie einfach nur
Mütter, deren Kinder sich über die Schule kennengelernt hatten. Aber so war es

nicht. Dort hatten sie sich wiedergefunden. Sie kannten sich aus einem ganz an-
deren Grund. Dieser Grund musste allen für immer verborgen bleiben. Es war ein

Abgrund. Ein Alptraum ihrer Kindheit. Eine Erfahrung, der man mit Worten nicht
gerecht werden konnte. Niemals konnte man das, was sie erlebt hatten, in Worte
fassen. Die Worte waren nicht hässlich genug dafür. Sie konnten den Schmerz

und die Schande nicht vermitteln. Sie konnten die Grausamkeit nicht angemes-
sen beschreiben. Andererseits reichte schon der wissende Blick der anderen,

dass sich der Schmerz wie ein Messer in ihr Herz bohrte und man nicht wusste,
wohin man vor dieser Erinnerung und der Seelennot, die sie hervorrief, fliehen
sollte. Es war eine Zwickmühle und bisher hatten sie es nicht geschafft, einander

aus dem Gefängnis ihrer Erinnerung zu befreien. Würden Sie je frei davon wer-
den? Was würden Ihre Ehemänner mit ihnen anstellen, wenn sie erfahren sollten,

was mit ihnen geschehen war, als sie noch Kinder – noch heranwachsende naive

Mädchen – gewesen waren? Würden sie sie schlagen oder womöglich versto-
ßen? Diese Frage löste bei ihnen Panikattacken aus. Keine von ihnen fühlte sich

sicher und geborgen bei ihrem Mann. Keine. Sie waren Ehrenmänner. Sie würden
sich beschmutzt und entehrt fühlen. Sie würden ihre Frauen für das strafen, was
ihnen angetan worden war. Sie würden noch einmal Opfer werden. Niemand
durfte es je erfahren. Ihr Geheimnis durfte nie gelüftet werden. Es würde eine
Welle der Gewalt auslösen. Das Ende wäre unabsehbar. Es wäre ein grausames
Ende. Sie würden alles verlieren: Ihre Ehemänner, ihre Kinder, ihre Freunde, ihre
Heimat, ihre vermeintliche Ehre und vermutlich ihr Leben.

 

Der Igel und die Elster (PDF)

Der Igel staunte. So etwas hatte er noch nie gesehen. Was war denn das bloß? Eine Elster flog über ihn hinweg und kreischte plötzlich entzückt. Sie machte beinahe ein Looping, um so schnell wie möglich zu dem Dings zu kommen, das der Igel gerade bestaunte. Der Igel merkte es nicht. Er staunte einfach weiter.

Es war eine Perle. Eine wunderschöne Perle, die dort auf dem nassen Weg lag und von der Sonne beschienen wurde. Sie glänzte wunderbar. Die Elster landete nicht weit vom Igel entfernt und versuchte, sich der Perle zu nähern, ohne dass der Igel es bemerkte. Aber er hatte es bemerkt. „Nix da!“ rief der Igel und setzte sich mir nichts dir nichts auf die Perle. Die Elster meckerte. Sie war wütend. Das konnte man sehen. Und seit jeher wusste jedes Tier, dass man sich mit einer wütenden Elster nicht anlegen sollte. Eine Elster, die wütend wurde, konnte gewalttätig werden. Der Igel wusste das auch. Aber diese Perle war einfach zu schön und schließlich hatte er sie gefunden. Die Perle hatte ganz mutterseelenallein mitten in einer Pfütze gelegen und er hatte sie liebevoll aus der Pfütze gestupst und dann ganz lange bestaunt. Wie lange wusste er nicht. Aber

es muss ziemlich lange gewesen sein. Der Igel hatte ganz vergessen, nach Schnecken Ausschau zu halten. Ihm knurrte der Magen.

„Ich hab Hunger!“ klagte er. Die Elster schaute ihn verdutzt an. Normalerweise reagier- ten die Tiere des Waldes anders, wenn sie wütend wurde. Mit einer wütenden Elster
war nicht zu spaßen. Das wusste doch jeder! Die Tiere verkrochen sich dann oder sie versuchten, sie zu beruhigen oder ihr etwas Gutes zu tun. Die Elster hatte erwartet, dass der Igel ihr die Perle geben würde, damit sie aufhörte, wütend zu sein. Aber der Igel dachte gar nicht daran. „Merkwürdig“, dachte die Elster, „die anderen Tiere geben sofort nach, wenn ich laut und ungemütlich werde. Der Igel nicht. Da muss ich mir einen ande- ren Trick ausdenken.“ Die Elster, die dafür bekannt war, schlau zu sein, dachte also kurz nach. „Ich bring ihm was zu essen“, dachte sie. „Das bringt ihn auf andere Gedanken und dann gibt er mir die Perle.“

„Ich bin ja so schlau!“ lachte die Elster in sich hinein und flog davon. Sie fand eine besonders dicke, fette Nacktschnecke und brachte sie dem Igel. Er saß immer noch auf der Perle und bewegte sich nicht fort. „Dein Mittagessen!“ rief die Elster und warf die Nacktschnecke direkt vor dem Igel ab. „Das ist aber nett von dir!“ freute sich der Igel, der nicht ganz so schnell denken konnte wie die Elster. Er konnte dafür etwas anderes richtig gut: Dankbar sein. Und das war er jetzt. Richtig dankbar. „Danke!“ rief er und strahlte. Kaum hatte er sie im Maul, war sie schon hinuntergeschluckt. „Ich bin immer noch hungrig“, sagte er und guckte traurig.

„Du hast sie verschluckt, du dummer Igel!“ entrüstete sich die Elster. „Warum schmatzt du nicht ein wenig auf der Nacktschnecke herum, bevor du sie hinunterschluckst? Du musst dein Essen doch genießen.“ Der Igel schaute die Elster nur erstaunt an und
sagte nichts. Er hatte wirklich großen Hunger. „Also gut“, sagte die Elster, „ich hole dir noch etwas.“ Der Igel freute sich. „Komisch“, dachte er, „normalerweise wird die Elster doch immer wütender, wenn man nicht tut, was sie will. Heute ist sie richtig nett. Woran das wohl liegt?“ Die Elster flog davon, auf der Suche nach einer neuen Schnecke oder einem leckeren Käfer und war eine Weile fort. Der Igel wartete geduldig auf die Elster und dachte nach.

„Die Elster möchte mich bestimmt von der Perle weglocken und sie mir dann stehlen“, dachte er. „Deshalb ist sie auch so nett zu mir und bringt mir Essen. „Ich sollte die Perle in Sicherheit bringen.“ Und genau das tat der Igel. Er rollte die Perle zu einem Baum, unter dem eine kleine Höhle war. Dort unten hatte der Igel sich ein kleines Kuschelbett eingerichtet. Manchmal ging er dorthin, um etwas zu dösen. Er konnte von dort unten immer noch den Himmel und die Sonne sehen, weil der Baum ein paar große dicke Wurzeln hatte, die über der Erde lagen und wie ein Fenstergitter über seine kleine Höhle rankten. „So, hübsches Dings“, sagte der Igel, „hier bist du vor der Elster sicher.“ Er deckte die Perle mit einem hübschen Blatt zu und beeilte sich, wieder genau an der gleichen Stelle zu sitzen, an der er vorher gesessen hatte.

Die Elster kam mit zwei zappelnden Käfern im Schnabel zurück, die der Igel sofort auffraß. „Danke, sehr lecker!“ sagte der Igel und meinte es genauso, wie er es gesagt hatte. Die Elster flog noch ein weiteres Mal los, weil der Igel so hungrig da saß. Der Igel wartete wieder geduldig auf die Elster und bewegte sich nicht vom Fleck. Und wieder hatte die Elster eine dicke Nacktschnecke gefunden und warf sie ihm hin. Dieses Mal fiel die Schnecke jedoch ein paar Schritte vom Igel entfernt auf die Erde. Der Igel musste

zu ihr hinlaufen, um sie zu fressen. Das hatte die Elster natürlich mit Absicht getan. Sie wartete darauf, dass der Igel aufspringen und zur Schnecke laufen würde.

Der Igel wusste genau, was die Elster vorhatte. „Ich glaube, ich ärgere die Elster noch ein wenig“, kicherte er leise in sich hinein. Dann sagte er: „Och, ich glaub ich bin schon satt.“ Er rieb sich zufrieden den Bauch und blieb sitzen. Die Elster wurde wütend. Sehr, sehr wütend. „Du frisst jetzt diese Schnecke!“ kreischte sie. „Also gut, wenn es unbedingt sein muss“, sagte der Igel, „aber dann versprichst du mir, dass du mich in Ruhe lässt, wenn ich die Schnecke gefressen habe?“ fragte der Igel. Die Elster schaute ihn listig an und sagte scheinheilig: „Aber natürlich lasse ich dich dann in Ruhe. Sehr gerne sogar!“ Sie freute sich schon darauf, die Perle zu stibitzen.

Elstern sind meisterhafte Stibitzer. Wenn die Elster ein Mensch wäre, würde man sagen, dass sie klaut. Ja, dass sie ein Dieb ist. Deshalb nennen die Menschen die Elster auch diebische Elster.

Der Igel reckte und räkelte sich und streckte dann noch das eine Hinterbein vor und dann das andere. Dann drehte er sich ganz gemächlich einmal um sich selbst, während die Elster versuchte, die Perle unter seinem Po zu entdecken. Aber sie konnte sie nicht sehen. „Deine Schnecke kriecht weg!“ dibberte die Elster verärgert. „Naja!“ lachte der Igel. „Eigentlich schneckt sie weg. So langsam wie sie ist.“ Dann rannte er ganz plötzlich los, schnappte sich die Schnecke und sauste in einen Laubhügel hinein. Am anderen Ende kam er wieder heraus und verkroch sich schnell – und von der Elster unbemerkt – in seiner kleinen Kuschelecke unter dem großen Baum. Die Elster hatte nur Augen für den einen Fleck, an dem die Perle gelegen hatte. Sie kreischte und kreischte, weil die Perle nicht mehr da war. „Wo ist die Perle? Wo ist die Perle?“ rief sie wütend und wurde immer lauter dabei. So laut, dass der Igel es hören konnte. Er grinste zufrieden und sagte: „Perle, heißt du also. Das ist aber schön. Liebe Perle, ich bin der Igel. Ich hoffe du magst es hier bei mir.“ Dann nahm er die Perle behutsam in seine Vorderpfoten, rollte sich zusammen und döste vor sich hin. „Ich habe einen Schatz gefunden“, dachte der Igel im Halbschlaf, „ich werde gut darauf aufpassen.“ Dann seufzte er dankbar und träumte davon, wie er mit der Perle in der Abenddämmerung tanzte, während die Abendsonne freundlich vom Himmel auf sie hinabblinzelte.

 

Wäre ich ein Vogel (PDF)

Wäre ich ein Vogel
würde ich meinen Zorn hinaussingen in alle Welt.

Ich habe seine Demütigungen gezählt. Es sind Tausende kleiner Hiebe.
Es sind Attacken auf meine Würde.

Geschlagen, geschubst, geohrfeigt. Er nimmt es leicht mit der Gewalt. Er wendet sie täglich an.
Was habe ich ihm nur getan?

Ich bin eine Frau – seine Frau, bin ich. Eine Frau kann man schlagen. Warum schämt er sich nicht?

Mein Zorn schlägt in Verzweiflung um. Wie entrinne ich ihm?
Ich finde ihn hartherzig und dumm.

Wäre ich ein Vogel,
würde ich davonfliegen hinaus in die Welt. Es gäbe nichts, was mich hält.

Ich würde mir mein Nest woanders bauen. Nur woher nehme ich das Selbstvertrauen? Das brauche ich doch, wenn ich alleine bin. Mein Leben braucht einen Sinn.

 

Wegwerfwert (PDF)

Wie schön klangen seine Worte, als er mich heiß begehrte.
Wie schön war seine Stimme. Sanft, liebkosend und freundlich.

Heute begehrt er mich nicht mehr. Wie herrisch klingen seine Worte, seit ich zu ihm gehöre.
Er ist gebieterisch, hart und kalt. Er duldet mich nur.

Er verletzt und demütigt mich.

Ich bin ein Teil seines Besitzes geworden. Ich bin nichts mehr wert.
Hätte mir jemand erzählt,
dass seine Worte wertlos sind,

dann wäre ich vielleicht noch etwas wert. Dann wäre ich kein Wegwerfwert.

Fern von ihm kann ich meinen Wert wiederfinden. Fern von ihm!
Wie sehne ich mich nach dieser Ferne.
Wie sehne ich mich danach,

eine wertvolle Frau zu sein.
Ob ein Mann mich je wertschätzen wird?
Ich weiß es nicht.
Aber es gibt eine Welt,
in der ich wertgeachtet bin.
Diese Welt werde ich suchen.
Ich werde sie zusammen mit meinen Kindern suchen.

 

Fassungslos (PDF)

Ich bin aus der Fassung gefallen
Und das schon seit Jahren.
Die Grenzen, die mein Leben beschränken, Entspringen einem menschenverachtenden Denken. Es ist eine Gefängnismauer
Hinter der ich kauer‘,
Und trauer‘.
Fassungslos.
Hoffnungslos.

Als kleines Mädchen ging es mir gut. Damals fehlte mir nicht der Mut.
In der Kindheit war ich unwissend und frei. Aber es blieb nicht dabei.
Eine Ahnung beschlich mich mehr und mehr. Mein weiter Horizont verengte sich sehr.
Ich wurde beschränkt und gehemmt
Und in ein überwachtes Leben geklemmt: Ein Alptraum am Tage
Und ein Monstergedanke in der Nacht!
So vegetiere ich am Tage
Und weine bitterlich in der Nacht.

Warum werde ich in ein Leben gepresst,
Das mir keine Luft zum Atmen lässt?
Warum muss ich einem lieblosen Mann dienen? Warum muss ich mich an diesem Ort verlieren? Warum kann ich nicht meinen eigenen Weg gehen? Warum will das keiner verstehen?

Meine Gedanken behalte ich für mich. Mein Mann kennt meine Gefühle nicht.

Ich warte auf eine goldene Gelegenheit.
Dann flüchte ich in die Freiheit.
Ich möchte eine Fassung finden,
In die das Bild einer freien Frau passt,
Die Selbstbestimmung und Würde in ihrem Leben hat. Es wird mir gelingen.

Wenn nur einer mir einen Fluchtweg zeigt, Dann bin ich bereit.
Bereit zur Flucht.
FLUCHT!

 

Ein Schatten der bösen Tat (PDF)

Sie war eine selbstbewusste, tugendhafte Frau gewesen, die wusste, wo ihr Platz
in der Gesellschaft war. Aber dann hatten sie sie genommen. Sie hatten ihr die Kleider vom Leib gerissen. Sie hatten sie herumgestoßen. Sie verhöhnt, gedemütigt, geschlagen, vergewaltigt. Diese Männer hassten ihre Herkunft, ihre Rasse, ihren Glauben. Alle, die waren wie sie, waren diesen Männern verhasst. Sogar, dass sie verlobt war, war egal. Nun war sie geschändet und geschunden. Ihr Verlobter war tot. Ermordet. Ihr Eltern und Brüder auch. Nur sie lebte noch. Sie fühlte sich wie ein Schatten ihrer selbst. Nein. Schlimmer. Wie ein Schatten der bösen Tat. Der vielen bösen Taten, die sie monatelang hatte ertragen müssen.

Auf dem Frauenmarkt war sie angeboten worden. Jeden Tag. Jede Nacht. „Ich bin eine Hure!“ schrie sie innerlich. „Das haben sie aus mir gemacht.“ In ihr drin – in ihrem Herzen war nur noch Raum für Bitterkeit, Scham, Ekel und Verzweiflung.
Es wird nie genug Wasser und nie genug Seife geben, um diesen Schmutz, diese Schande, wegzuwaschen. Niemand würde sie nun jemals heiraten. Nicht mit dieser Geschichte. Nicht mit diesem Leben. Und nicht mit ihren Albträumen. Ihren Platz in der Gesellschaft, den hatte sie verloren. Er wurde ihr nicht mehr zugestanden. Ihre Gesellschaft gab es nicht mehr. Sie war zerbombt. Die Krieger hatten keinen Stein auf dem anderen gelassen. Eine ganze Stadt war ausgeloschen. Ein ganzes Volk auf der Flucht.

Doch dann war eines Tages ein alter Mann zu ihr gekommen. Er tat, als wolle er ihre „Liebe“ kaufen. Aber als sie alleine waren, hatte er gesagt: „Ich helfe dir, meine Tochter, ich helfe dir. Morgen kommen sie, um euch zu töten. Lauf um dein Leben, meine Tochter. Lauf!“ Geld hatte er ihr gegeben und gesagt: „Deine Seele haben sie nicht getötet. Denke daran.“ Und dann hatte er ihr zur Flucht verholfen. Ein Frem- der hatte sie gerettet. Ein Fremder. Immer wieder weinte sie über dieses Wunder der Liebe. Der Nächstenliebe.

Monatelang war sie auf der Flucht. Als Alte verkleidet. Keiner hatte sie angefasst. Als hätte ein Engel über sie gewacht. Auf der Flucht war sie Ersatzmutter gewor- den. Sie hatte jetzt vier Kinder: Zwei Mädchen und zwei Jungen; vier, fünf, sechs und acht Jahre alt. Ohne ihre Hilfe wären die Kinder verhungert. Bei jeder Gefahr und in jeder Not flüsterte sie den Kindern zu: „Eure Seelen kann man nicht töten. Haltet durch! Vielleicht haben wir Morgen neue Hoffnung.“ Die Hoffnung hieß Europa. Würden sie in Europa ein neues Glück finden? Würden sie dort freundlich aufgenommen werden?

Sie weinte. Ich habe mein Glück verloren. Aber mitten im Leid habe ich ein neues Glück gewonnen: Diese wunderbaren Kinder. Ich werde sie beschützen. Ich bin jetzt ihre Mutter. Ich werde leben, damit sie leben können. Ich werde über ihre Seelen wachen, damit ihnen niemals geschieht, was mir geschah. Ich bin jetzt für sie da.

 

 

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