„Ein Mädchen sollte schamhaft sein“

06.09.2020

„Gewalt hat nichts mit dem Islam zu tun; nur mit der Kultur!“ So hört man es landauf landab gebetsmühlenartig. Und Deutschland glaubt es. Viele jedenfalls. Sogar Kämpferinnen von Frauenrechten sind hier plötzlich erstaunlich still oder reden von Ausnahmen. Vor allem die Menschen im Land, die den Koran nicht kennen, wollen nicht sehen, dass konservative Muslime bewusst an dieser männerprivilegierten und Frauen unterdrückenden Kultur festhalten, die im Koran verankert ist. Ja, es gibt insgesamt in der „Schamkultur“ besonders viel Gewalt und Unterdrückung, nicht nur im Islam. Doch es ist eben nicht nur die Kultur! Wer es wagt die Fakten zu nennen, ist islamophob und wird gerne diskriminiert. Was wirklich passiert, wird gerne verschwiegen. Wie passt das zusammen damit, dass Teile der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP gerne die sogenannte Istanbul-Konvention aufkündigen möchten, die neben vielen anderen Staaten zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen auch von der Türkei unterzeichnet wurde? Unter dem Titel Das Ende des Schweigens traute sich Oliver Mayer-Rüth vom ARD-Studio Istanbul zu berichten.

Fragen müssen in einem freien Land erlaubt sein!

Wenn nur die Kultur, nicht aber der Islam etwas mit Gewalt gegen Frauen und Zwangsehen zu tun hat, warum sind Frauenhäuser dann besonders voll mit Muslima? Und warum wehren sich dann konservative Muslime in der Türkei gegen die Gleichberechtigung und Unterdrückung von Frauen? Warum 470 getötete Frauen in der Türkei in einem Jahr? Die Fragen könnten endlos fortgesetzt werden.

„Ich bin keine Ausnahme!“

„Es geht uns allen so, ich bin keine Ausnahme“, hatte eine misshandelte, unterdrückte und zweimal zwangsverheiratete Türkin in Gegenwart eines Journalisten ausgesprochen, die Zuflucht bei uns gesucht hatte. Was sich leider im dann ausgestrahlten Interview nicht wiederfand. Und gerade gestern sagte mir einer unserer Schutzbefohlenen, die eher säkular geprägte Muslima ist: „Muslime reden in Moscheen auch immer davon, dass man helfen soll. Aber was Ihr Christen tut, um den Frauen zu helfen, so etwas würden sie nie tun.“ Selbst würde ich das nicht verallgemeinern, ich habe schon wunderbare und hilfsbereite Muslime kennen gelernt. Aber diese Aussagen decken sich leider mit den Empfindungen vieler muslimischer Frauen, zu denen wir Kontakt haben.

Beispiel aus einem anderen muslimischen Land gefällig?

Eine Flugbegleiterin muss in Ägypten drei Jahre in Haft, weil sie auf TikTok Videos gepostet hat, die als „Verstoß gegen die öffentliche Moral und gegen die Werte einer Familie“ angesehen wurden. „Ein Mädchen sollte schamhaft sein. Das ist Ehre. Wenn ich meinen Körper anderen Menschen zeige, dann habe ich keine Ehre.“ So wird von Alexander Stenzel der Anwalt zitiert, der unter anderem Manar Sama ins Gefängnis gebracht hat (https://www.tagesschau.de/ausland/kairo-tik-tok-101.html). Aber Frauen lassen sich nicht immer unterdrücken. Dafür sind sie zu stark. Seine Versuche, an der männlichen Dominanz und Überheblichkeit Frauen gegenüber festzuhalten, um sich selbst besser zu fühlen, werden eines Tages scheitern. Nicht nur seine!

Anette Bauscher